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Kühner Schnitt

Kühner Schnitt

Mitteldeutsche Zeitung am 20.10.2018

VON KARINA BLÜTHGEN

WITTENBERG/MZ – Das Durchschneiden der Bänder ist rein symbolisch. Längst ist die Halle draußen vor den Toren der Stadt Wittenberg in Betrieb, stapeln sich hier Säcke, Eimer, Kanister durcheinander. Das sei der sogenannten chaotischen Lagerhaltung geschuldet, erklärt Standortmanager Reinhard Heßler. Da wisse nur der Computer, wo welches Produkt zu finden sei.

Zwei Farben herrschen vor

Doch die Halle mit einer Fläche von 2 340 Quadratmetern, die am Freitag durch vier Vertreter des Unternehmens PCI und Wittenbergs Oberbürgermeister Torsten Zugehör (parteilos) mit kühnen Scherenschnitten offiziell eröffnet wurde, ist wesentlich mehr. Sie dient auch als weiteres Lieferzentrum und ist über Rollenbahnen verbunden mit den anderen drei Hallen auf dem Gelände in der Coswiger Landstraße. In den schier endlosen Regalreihen herrschen vor allem zwei Farben vor: Orange und Magenta. Orange ist die klassische Farbe von PCI (inzwischen eine Tochter von BASF) mit seinen vielen bauchemischen Produkten, die vor allem von Profis genutzt werden. „Was bis Mittag bestellt ist, ist am nächsten Tag im Großhandel – oder auf der Baustelle“, betont Pressesprecher Christian Kemptner. „Wittenberg ist sehr speziell, weil wir sehr viele verschiedene Produkte herstellen“, sagt auch PCI-Geschäftsführer Frank Rösiger, der am Mittwoch bereits am Standort Hamm ein neues Lieferzentrum eingeweiht hat. Insgesamt sei dabei ein „guter zweistelliger Millionenbetrag“ investiert worden.

Harze, Kleber, Mörtel

Von den verschiedenen Pulvermischungen für Kleber, Fugenmaterial, Pflastermörtel und mehr werden in Wittenberg zum Beispiel verschiedene Reaktionsharze in allen möglichen Farben hergestellt, die der Laie aus Bad und Küche kennt. „Der Renner, und exklusiv in Wittenberg produziert, sind alkohol- und essigvernetzte Silikone“, erklärt Heßler. Naturkautschuk, Weichmacher, Farbpigmente und andere Zutaten werden dafür gemischt. Und dann gibt es noch die Bitumendickbeschichtungen, eine Schwarzmasse auf der Basis von Rohbitumen, wie sie der Häuslebauer zum Abdichten des Fundaments kennt. Auch das wird in Wittenberg hergestellt. Magenta ist die Farbe für die Produkte von Thomsit, die Henkel 2017 verkauft hat und die ihren Schwerpunkt auf Boden- und Fliesenverlegesystemen sowie Abdichtungen hat. Material zur Untergrundvorbereitung wie Ausgleichsmaterial, Gießharz, verschiedenste Spezialkleber für Bodenbeläge aller Art gehören hier zur bewährten Marke. Pulverprodukte werden davon bereits zum Teil in Wittenberg hergestellt, wie eine Palette neben dem Rednerpult verdeutlichte. „122 000 Quadratmeter und noch Entwicklungspotenzial“, hebt Wittenbergs Oberbürgermeister hervor, der sich für die Zukunft gut noch mehr „farbliche“ Erweiterungen nach Orange und Magenta vorstellen kann „Ein Dreiklang wäre schön, frei nach Goethes Farbenlehre.“ Als Stadt freue es ihn auf jeden Fall, dass es am Standort 125 Mitarbeiter gibt. „Damit sind Sie in den Top 15 der mitarbeiterstärksten Unternehmen der Stadt.“ Dass vor allem Unternehmen der Region am Neubau beteiligt waren, freut ihn doppelt. Für eine solche Eröffnung bietet sich ein Rundgang durch das Wittenberger Werk an, in dem im Zwei-Schicht-Betrieb gearbeitet wird. „Mit der Thomsit-Pulverproduktion werden wir eine dritte Schicht vorbereiten“, so Heßler. Neue Silos sind für die neuen Produktionslinien bereits aufgestellt worden. In der Produktion verrichtet auch am Freitagnachmittag einer der beiden Horizontal- Pressmischer seinen Dienst. 36 Tonnen wiegt so ein Gerät, erklärt Heßler. Etwa eine halbe Stunde dauert der Mischvorgang, dann wird die Masse ausgepresst und in Kartuschen gefüllt.

Die gute alte Rohrpost

Es ist ein Tag zum Feiern im Unternehmen. Der vollautomatische Absackapparat schweigt. In einer der Hallen ist dennoch ein Staplerfahrer unterwegs und stellt ein paar Paletten zusammen. So wie der Abtransport über Lkw erfolgt, so werden auch die Rohstoffe alle auf der Straße angeliefert. „Anders ist eine tagesaktuelle Abarbeitung gar nicht möglich“, sagt der Standortleiter. Dann hat Heßler doch noch eine Überraschung parat. Eine unscheinbare Leitung zwischen zwei Gebäuden entpuppt sich als Rohrpostleitung. „So kommen die Proben von der Herstellung am schnellsten ins Labor“, zeigt er die einfache Handhabung.