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Finden und binden

Finden und binden

Mitteldeutsche Zeitung am 18.02.2016

WITTENBERG/MZ – Der Campus ist so gut wie fertig, was noch fehlt, sind Kleinigkeiten – ein Fachkabinett für künftige Elektroniker. An dem wird gebaut. Der Campus, von dem hier die Rede ist, liegt in keinem Zentrum, hat nichts mit Universität zu tun, mit Bildung und Erziehung aber sehr wohl: Er befindet sich direkt an der Bundesstraße am westlichen Ende von Wittenberg. Was in den vergangenen Jahren dort entstanden ist, wo einst das Fachgymnasium seinen Sitz hatte, sucht seinesgleichen – und ist beispielhaft.
Nicht zuletzt deshalb hat sich Wirtschaftsminister Hartmut Möllring (CDU) gestern auf den Weg gemacht, um sich anzusehen,
wie das Konzept von SKW Piesteritz aussieht, das Konzept, um der „demografischen Falle“, wie Geschäftsführer Carsten Franzke sie nennt, zu entkommen, wie es gelingen soll, Mitarbeiter zu finden und zu binden. Das ist nötig schon allein deshalb, weil wie in etlichen anderen Unternehmen so auch bei den Stickstoffwerken ein Generationswechsel erheblichen Ausmaßes vor der Tür steht.
Neueste Errungenschaft, die den Campus komplettiert, ist das „Medicum“, das werkseigene Gesundheitszentrum. Es ist zum Jahresbeginn peu à peu in Betrieb genommen worden. Dem Chemieunternehmen gelang es, fünf Mediziner anzusiedeln. Eine Kinderärztin und praktische Ärztin, eine Hals-Nasen-Ohren-Ärztin, einen Facharzt für Chirurgie, einen Augenarzt. Ein Psychologe eröffnet nach den Worten von Personalchefin Birgit Lorenz im Mai/Juni seine Praxis. Hinzu kommt eine Physiotherapie – zudem
eine Art Fitnessstudio, für das sich laut Lorenz bis Anfang Februar bereits an die 200 SKW-Mitarbeiter angemeldet haben. Die Trainingsräume stehen allein den rund 850 Beschäftigten zur Verfügung,sie sollen „keine Muckibude“ (Franzke) sein, sondern der Gesunderhaltung dienen. „Gesunde Mitarbeiter sind unser Potenzial“, erklärt Birgit Lorenz. Der Campus direkt vor der Tür des Werkes ermögliche „kurze Wege“, vor oder nach der Schicht kann eine Trainingseinheit eingelegt, ein Arzttermin wahrgenommen
werden. Ärzte und Physiotherapie sind unterdessen für alle Bürger der Stadt zugänglich. Längst genutzt wird das Ausund Weiterbildungszentrum des Komplexes, das unter anderem einen Hörsaal, Chemie- und Physiklabore, Computerkabinett und diverse Unterrichtsräume bietet. Zum Campus werden überdies der Betriebskindergarten, die Filiale der Degussa-Bank und das Gästehaus gezählt. Der Düngemittelhersteller hat ordentlich Geld in die Hand genommen in den vergangenen Jahren, um das Unternehmen fit zu machen für die Zukunft. Das rechnete Carsten Franzke bei dem Treffen mit Möllring gestern vor: „Seit 2005 sind pro Jahr rund 50 Millionen Euro investiert worden.“ In die Forschung, die Produktionsanlagen, in Sicherheit und Umweltschutz, in die Entwicklung von Spezialprodukten, in Infrastruktur und Logistik – und eben in den Campus. Franzke spricht von ganzheitlichem
Denken und von der „Industrie-Kultur-Stadt“. Ende des Jahres soll das Science Center am Wittenberger Markt öffnen. Eine erstaunliche unternehmerische Entwicklung, von der die Stadt beträchtlich profitiert (über 40 Prozent der Gewerbesteuereinnahmen
stammen von SKW). Rüdiger Geserick, Vorsitzender der Geschäftsführung, nennt sie „strategische Ausrichtung“. „Wir machen
das nicht, weil wir zu viel Geld haben.“ Es müsse gelingen, eine „gewisse Magnetfunktion“ zu schaffen. Dazu diene eine attraktive (Industrie- Kultur-) Stadt ebenso wie ein attraktiver Arbeitsplatz. „Wir haben Probleme, das fachliche Potenzial hierherzukriegen.“ Geserick sagt das vor dem Hintergrund der Lieken-Ansiedlung und dem Plan, den Hauptsitz der Zentrale von Agrofert Deutschland nach Piesteritz zu verlegen. Dass Unternehmen die Initiative übernehmen müssen, ist seine feste Überzeugung: „Schreien nach dem Staat ist möglich, wird aber nicht helfen“, bemerkt er gegenüber dem Wirtschaftsminister. SKW hat angeboten, die Nordumfahrung mitzufinanzieren und will mit der Kommune den Neubau der städtischen Feuerwache am Eingang des Agro-Chemie Parks Nord in direkter Nähe zur Werkfeuerwehr stemmen. Dass das alles funktioniert, Geserick ist optimistisch: „Ich glaube, unser Konzept wird aufgehen. Wir haben Täler und Höhen erlebt, waren 1999 fast Pleite. Aber wir sind gut aufgestellt.“ Möllring jedenfalls ist beeindruckt. „Ich bin überrascht, wie viel hier investiert wurde.“ Die Zeiten, bemerkt er noch, „haben sichgedreht“. Firmen müssen sich um ihre Mitarbeiter bemühen.