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Alte Lateinschule ist saniert

Neues christliches Besucher- und Studienzentrum

Wittenberger Sonntags-Magazin am 27.04.2015

Alte Lateinschule ist saniert

Wittenberg (wg). Neues Leben zieht in ein altes Gemäuer ein: Nach aufwendiger Sanierung ist aus der zuletzt verwahrlosten Alten Lateinschule in der Jüdenstraße 38 ein attraktives christliches Besucher- und Studienzentrum geworden. Dafür hat die International Lutheran Society of Wittenberg (ILSW) gesorgt, ein Zusammenschluss der Lutheran Church Missouri Synod () aus den USA und der Selbständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche (SELK) aus Deutschland sowie als Drittem im Bunde das christliche US-Verlagshaus Concordia. Damit bekennen sich amerikanische Christen langfristig zur Lutherstadt Wittenberg. Der Weg bis zur Eröffnung, die mit Musik und Gottesdiensten gefeiert werden wird, war lang. Zu Beginn wurden alle Gewerke bis hin zur Endreinigung ausgeschrieben, dann erst wurde in den USA die Entscheidung getroffen, ob das Investitionsvorhaben umgesetzt werden kann. Das Vorhaben lag den Amerikanern bereits seit 2007 am Herzen, das Richtfest im vergangenen Jahr wurde sogar live in die USA übertragen.
„Wir haben mit diesem Projekt Neuland betreten“, berichtet Helmut Keitel, Geschäftsführer von bc Architekten + Ingenieure GmbH, „zwischen dem Auftraggeber und uns hat sich über die Jahre hinweg ein exzellentes Vertrau-ensverhältnis entwickelt, und das Ergebnis kann sich in jeder Hinsicht sehen lassen.“ Trotz vieler auch unangenehmer Überraschungen konnten Kosten- und Zeitrahmen eingehalten werden. „Dies ist den aus der Region stammenden baubeteiligten Firmen zu verdanken, die eine erstklassige Arbeit abgeliefert haben“, betont Bauleiter Thomas Lübke.
Nur ein Beispiel, das die zu stemmenden Herausforderungen verdeutlicht, ist der Dachstuhl, der sich um 20 Zen- timeter verschoben hatte. Zudem sei das Tragwerk sehr desolat gewesen, so Lübke, vorgefunden wurden Fach- werkwände, die nicht mehr übereinander standen. So musste bis 3,20 Meter tief geschachtet werden, um die Gründung mit Betonblomben zu verstärken. Neue tragende Wände wurden hochgezogen, Stahlträger und Stahl-säulen eingesetzt, um das Gebäude zu stabilisieren. Im Obergeschoss mussten 80 Prozent der Holzbalken aus- getauscht werden, Schwamm und Wurmfraß hatten ihnen zugesetzt. „Bei der Holzsanierung und beim Mauerwerk waren erhebliche Mehrleistungen erforderlich“, berichtet Lübke.
Im Zuge der Schachtungsarbeiten wurden viele Knochen gefunden, ursprünglich befand sich hier ein Beinhaus sowie der Friedhof. Besonders spektakulär war der Fund bei den Schachtungsarbeiten für den Fahrstuhl, dort wurden drei Lagen von Bestattungen gefunden, unter anderem die Gebeine eines Erwachsenen sowie von vier Kindern, wobei eines einen Dolch im Hals stecken hatte. Archäologen haben den Fund en bloc geborgen und zur Untersuchung ins Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie nach Halle gebracht.
„Wir waren bestrebt, so viel Originalsubstanz der Renaissance-Zeit wie möglich zu erhalten und dies in engem Dialog mit der Denkmalpflege“, berichtet Keitel. Unter anderem konnten drei historische Fenster in der Original-fassung restauriert werden, eines davon befindet sich in der Kapelle im Erdgeschoss. Die dort im Foyer befind- liche Holzsäule stammt aus der Erbauungszeit von 1564, hat heute indes keine tragende Funktion mehr. Auf der alten Sandsteintreppe vom Erdgeschoss ins erste Obergeschoss wurde eine neue aufgesetzt, während die Sand- steintreppe vom ersten ins zweite Obergeschoss restauriert werden konnte. Zweites Obergeschoss und Dachge-schoss wurden mit einer neuen Treppe verbunden.
Die Renaissance-Sandsteingewände an den Fenstern wurden aufwendig saniert, einige auch ausgetauscht, ebenso Konsolsteine restauriert und alte Türen aufgearbeitet. Im Dachgeschoss wurden auf beiden Seiten Flach-dachgauben realisiert, um mehr Raum und bessere Lichtverhältnisse zu schaffen. Wie von der Denkmalpflege ge- wünscht, wurden auch Zeitfenster geschaffen: So erkennt der Besucher im Treppenhaus die Situation des
19. Jahrhunderts, während in einem Zimmer im ersten Obergeschoss deutlich ältere Wandfarbfassungen freigelegt wurden.
Ein Rätsel bleibt der Wendelstein, der existiert haben muss, zumal er in den Baurechnungen erwähnt wird. Sein Standort ist indes trotz aller Bauforschung unklar, Bauleiter Lübke vermutet, dass Teile des Wendelsteins in der Kellertreppe verbaut wurden. Eine weitere Besonderheit ist, dass Fassade und Raumstruktur nicht einheitlich abschließen: Hinter der Außenwand der Alten Lateinschule befinden sich auch Räume, die zur Commerzbank gehören, die im Zuge der Baumaßnahme aber mitsaniert wurden.

Bildung und Begegnung im Alten Gymnasium
Trotz der Toplage neben Luthers Predigtkirche und dem sanierten Bugenhagenhaus stand das Alte Gymnasium lange Zeit leer. Die Sanierung des anspruchsvollen Baudenkmals, die im Spätherbst 2013 begann, erwies sich als aufwendiges Projekt, dessen offizielle Eröffnung am 3. Mai erfolgt, erste Gäste aus den USA werden bereits Ende April erwartet.

Bis zur Eröffnung bedurfte es Visionen und jede Menge Gottvertrauen. An beidem mangelte es der Bauherrin und Investorin nicht: Seit 2007 gehört die Alte Lateinschule der International Lutheran Society of Wittenberg (ILSW). Bedingt durch die internationale Finanzkrise musste das Projekt zunächst auf Eis gelegt werden, weil es an Spendengeldern fehlte, die Sanierung des Objekts sollte etwa 2,3 Millionen Euro kosten.

2009 kam Reverend David L. Mahsman als Geschäftsführer der ILSW nach Wittenberg und trieb das mehrfach überarbeitete Projekt voran. Mit der Realisierung des Vorhabens wolle sich die LCMS dauerhaft in Wittenberg engagieren, auch über 2017 hinaus, macht Reverend Mahsman deutlich.
Bildung wird in der Alten Lateinschule künftig eine große Rolle spielen. Das benachbarte Colleg Wittenberg in der Jüdenstraße 8 stößt seit geraumer Zeit an seine Kapazitätsgrenzen, und so wird das christliche Besucher- und Studienzentrum auch als Domizil für Studenten aus den USA und ihren Professoren dienen, Buchung, Belegung und Betreibung übernimmt Christian Eggert vom Colleg Wittenberg.

Darüber hinaus will die ILSW eigene kirchliche Bildungsprogramme anbieten, unter anderem für Konfirmanden aus den USA, die sich an den Originalschauplätzen der Reformation in Wittenberg über die Wurzeln ihres Glaubens informieren. Konferenzen, Gottesdienste und Veranstaltungen unterschiedlicher Art sind geplant, dabei legt die ILSW großen Wert auf die Kooperation mit hiesigen Kirchen. Touristen soll das Zentrum ebenso offen stehen, wie interessierten Wittenbergern.

Über zwei Eingänge ist das Zentrum zugänglich: Die temporären Bewohner des Hauses nutzen den Eingang in der Jüdenstraße, alle anderen Besucher den über den Kirchplatz durch das schöne Renaissance-Portal. Im Erd- geschoss befinden sich neben Foyer, Garderobe, Aufzug und Toiletten, eine Buchhandlung mit englischer und deutscher Literatur sowie die der Liturgie der Lutheraner folgende Kapelle mit Altar und Kommunionbank.

Das erste Obergeschoss beherbergt sechs Zimmer für je zwei Gäste, inklusive Dusche und WC sowie einen Gruppenraum mit Teeküche, das zweite OG fünf Zimmer und ein Appartement (auch für Professoren) und im Dachgeschoss befindet sich eine Wohnung für den ILSW-Geschäftsführer, Büroräume und die Heizungstechnik. Der Keller mit seinen hochwertigen Gewölben wird nicht genutzt, der erforderliche zweite Fluchtweg hätte den Kostenrahmen gesprengt.